Wenn das Leben zum Kotzen ist...

Ich bin fett und hässlich. Will aber schön und schlank sein. Schwerelos wie eine Feder. Es gibt Menschen, die einige ihrer Körperteile attraktiv finden, aber es gibt keinen Menschen, der vollkommen mit sich zufrieden ist. Ob es nun eine schiefe Nase oder eine zu kleine Brust ist. Jeder hat irgendein Problem mit seinem Aussehen.

Ich finde überhaupt nichts an mir schön. Zu fette Oberarme, ein zu schwabbeliger Bauch, ein zu rundes Gesicht, zu viel Speck auf den Hüften, zu dicke Oberschenkel, einen zu fetten Arsch, usw. Womit ich mich einigermaßen anfreunden kann, sind meine Handgelenke. Schlank und knochig.

Ich teile mein Leben nicht nur mit einer einzigen Art der Essstörung. Es gibt Tage, Wochen, Monate des Hungerns und Tage, Wochen, Monate des Kotzens. Anorexie und Bulimie. Meine ständigen Begleiter. Unsere Freundschaft basiert auf der reinsten Hass-Liebe. Wenn ich hungere habe ich einen festen Plan, der meistens in die Hose geht. Ich esse 10 Tage lang überhaupt nichts. An Tag 11 gönne ich mir eine fette Kleinigkeit, die meistens aus einem Schokoriegel besteht. Laut meinem Plan sollte es an dieser Stelle wieder mit 10 Tagen ohne jeglichem Essen weitergehen, aber aus der fetten Kleinigkeit, die ich mir am ersten Tag 10 gönne, entwickelt sich häufig ein unaufhaltsamer Fressanfall. Dabei stopfe ich alles mögliche in mich hinein, das mir gerade zwischen die Finger kommt. Wenn es mir dann bis zum Anschlag steht, sodass ich nur noch unter Schmerzen atmen kann, und mein Bauch aussieht, als wäre ich im vierten Monat schwanger, geht es ab zur Toilette. Dort würge ich die Lebensmittelpampe wieder heraus und denke mir in einer Tour nie wieder! Nach dem Zähne putzen und scheinbar endlosen Händewaschen gibt es geschätzte fünf bis zehn Minuten bis ich wieder vor dem Kühlschrank stehe, wo alles nochmal von vorne anfängt.

 

Anfang

Im September 2006 nistete sich die Essstörung in meinem Leben ein. Ungewollt und unerwartet. Erst wurde ich von einer Appetitlosigkeit überrumpelt, die drei Tage lang anhielt. Während dieser drei Tage aß ich keinen Bissen, da mir allein beim Anblick des Essens schlecht wurde. Selbst der Duft von gekochtem Essen weckte die Übelkeit in mir. Als ich am vierten Tag wieder essen wollte, brach in meinem Kopf das Chaos aus.

Eine Scheibe Brot in der Hand und ich bekam einen eiskalten Schweißausbruch. Je näher sich die Hand mit der Scheibe Brot in Richtung Mund bewegte, desto stärker fing sie an zu zittern. In meinem Kopf hieß es nur noch NEIN! Leg sie wieder weg! Iss sie nicht! Auf die mir selbst gestellte Frage 'warum?' fand ich keine Antwort. Ich zwang mich, ein Stück abzubeißen. Ich kaute darauf herum und es bildete sich ein Tränenmeer in meinen Augen. Ich kaute und kaute, selbst als es nur noch Brei war, ich kaute weiter, denn es entstand eine innere Blockade, die mich daran hinderte, das kleine zerkaute Stück Brot zu schlucken. Letzten Endes spuckte ich es wieder aus.

Da ich die Appetitlosigkeit erst für ein Anzeichen auf eine stinknormale Grippe hielt und ich nicht wusste, wie ich mit dieser spuck-das-Stück-Brot-wieder-aus-Situation umgehen sollte, stempelte ich diese seltsame Verhaltensweise als vorübergehende Phase ab.

Als die Schluck-Blockade nach mehreren Tagen verschwunden war, aß ich wieder normal. Abgesehen davon, dass die Portionen, die ich zu mir nahm, um einiges kleiner waren als zuvor. Während des Essens gab es kaum Probleme, denn die tauchten erst auf, als ich die Mahlzeiten hinter mir hatte. Obwohl ich nur wenig zu mir genommen hatte, spürte ich ein unangenehmes Völlegefühl, das sogar zu extremen Magenschmerzen führte. Um dieses hässliche Gefühl zu beseitigen, fing ich an, meine Mahlzeiten im Nachhinein zu erbrechen. Ich stempelte es noch immer als Phase ab.

Nach einem halben Jahr sah ich ein, dass es sinnlos war, dieses Verhalten noch länger als vorübergehende Phase zu bezeichnen. Ich verschlang Kombinationen von Lebensmitteln, an die sich wahrscheinlich nicht einmal Schwangere herangewagt hätten. Es war mehr als einfach nur pervers. Zudem erbrach ich mehrmals täglich. Selbst wenn es sich nur um ein Milchgetränk handelte, der Finger wanderte in den Mund. Gerade als ich mich damit abgefunden hatte, dass dieses kranke Verhalten einen Namen hatte (Bulimie), erschien auch schon die nächste Überraschung. An meinem Hals war ein fetter blauer Fleck zu sehen. Aus Angst, dieser Fleck würde von der pausenlosen Kotzerei kommen, versuchte ich diese einzustellen, was wiederum hieß, dass ich das Essen einstellen musste. Ich fing an zu hungern. Je länger ich überhaupt nichts aß, desto größer wurde die Angst vor dem Essen. Letzten Endes jagte mir sogar eine kleine Weintraube Angst ein.

 

Ich war dick - 15 Kilo weniger und ich bin fett

Bevor die Essstörung eine Mitbewohnerin in meinem Leben wurde war ich dick. Nicht fett oder übergewichtig, einfach nur dick, aber ich hatte kein Problem damit. Ich war zu faul für Sport, aß gerne und viel und hatte eine gesunde Dosis an Selbstbewusstsein. Natürlich beneidete ich schlanke Mädchen um ihre langen dünnen Beine und um ihre feine Taille, aber ich hatte selbst nicht das Verlangen, genauso auszusehen. Ich war zwar mit meinem eigenen Körper nicht rundum zufrieden, dennoch war ich glücklich. Wenn mich jemand als dicke Kuh beschimpfte nahm ich es zwar wahr, aber es interessierte mich nicht weiter. Lieber war ich eine dicke Kuh als ein Stück Scheiße auf zwei Beinen.

Innerhalb der ersten drei Monate verlor ich 15 Kilo meines Körpergewichts. Komischerweise fand ich mich auf einmal nicht mehr dick wie früher, sondern regelrecht fett. Als mir das bewusst wurde, entwickelte sich abgesehen vom Essen auch noch mein Körper in ein Problem. Er fing an mich anzuekeln und ich fing an ihn zu hassen. Für mich zählte nur noch eines: abnehmen. Ich musste dieses ganze überschüssige Fett loswerden. Von da an ging es mit dem Kalorien zählen los. Während meiner bulimischen Phasen achtete ich darauf, was ich aß, selbst wenn ich im Voraus schon wusste, dass ich es sowieso wieder erbrechen würde. Aber da beim Erbechen angeblich nur ca. die Hälfte der verschlungenen Kalorien wieder herauskommen, musste diese Zahl gering sein. Und während meiner Hungerstrecken tat ich mein bestes, um nicht zu viele unnötige Kalorien durch Getränke zu mir zu nehmen. So trank ich also meinen Kaffee ohne Zucker, denn in einem Stück Zucker wohnen 12 Kalorien. An Milch war gar nicht zu denken.

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*Ich war dick - 15 Kilo weniger

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